1. November 2026
Ratgeber · Hormone bei Frau & Mann
Müdigkeit, Libidoverlust und Leistungsabfall beim Mann: Ist es wirklich das Testosteron – oder die Schilddrüse?
Warum Schilddrüsenstörungen bei Männern übersehen werden können, welche Rolle Testosteron spielt und wann eine gezielte Hormondiagnostik sinnvoll ist.
Von Dr. med. Kaneschka Jahanyar · Facharzt für Allgemein- und Viszeralchirurgie · Veröffentlicht am
„Herr Doktor, ich glaube, mein Testosteron ist zu niedrig.“
Ein Mann, 48 Jahre alt, beruflich stark eingespannt, berichtet über zunehmende Müdigkeit.
Früher ging er regelmäßig zum Sport. Heute fehlt ihm häufig die Energie.
Seine Konzentration hat nachgelassen. Er nimmt langsam an Gewicht zu. Auch sein sexuelles Interesse ist geringer geworden.
Seine Vermutung:
„Das muss doch am Testosteron liegen.“
Diese Überlegung ist nachvollziehbar. Schließlich werden Erschöpfung, Libidoverlust und nachlassende Leistungsfähigkeit häufig mit einem Testosteronmangel in Verbindung gebracht.
Doch es gibt eine weitere hormonelle Ursache, die bei Männern mit ähnlichen Beschwerden berücksichtigt werden sollte:
Eine Funktionsstörung der Schilddrüse.
Denn die Schilddrüse beeinflusst nicht nur den Stoffwechsel, sondern kann auch das körperliche Wohlbefinden, die sexuelle Funktion und indirekt den Hormonhaushalt verändern.
Die Herausforderung besteht darin, die tatsächliche Ursache der Beschwerden zu erkennen, statt einzelne Laborwerte isoliert zu behandeln.
1. Warum wird die Schilddrüse bei Männern häufig unterschätzt?
Schilddrüsenerkrankungen treten bei Frauen häufiger auf als bei Männern.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Männer selten betroffen sind oder keine relevanten Beschwerden entwickeln können.
Insbesondere eine Schilddrüsenunterfunktion kann sich schleichend bemerkbar machen.
Zu den möglichen Symptomen gehören:
- Anhaltende Müdigkeit
- Verminderte körperliche Belastbarkeit
- Konzentrationsprobleme
- Gewichtszunahme
- Kälteempfindlichkeit
- Verstopfung
- Trockene Haut
- Depressive Verstimmung
- Veränderungen der sexuellen Funktion
Das Problem: Viele dieser Beschwerden sind unspezifisch.
Sie können ebenso bei Schlafmangel, chronischem Stress, Schlafapnoe, depressiven Erkrankungen, Anämie oder anderen Stoffwechselstörungen auftreten.
Deshalb ist es wichtig, nicht vorschnell eine hormonelle Ursache anzunehmen.
2. Welche Rolle spielt die Schilddrüse für die männliche Leistungsfähigkeit?
Die Schilddrüsenhormone T4 und T3 beeinflussen zahlreiche Stoffwechselprozesse.
Sie wirken unter anderem auf:
Energiehaushalt: Schilddrüsenhormone regulieren den Grundumsatz und zahlreiche zelluläre Stoffwechselvorgänge.
Herz-Kreislauf-System: Sie beeinflussen Herzfrequenz und Kreislauffunktion.
Muskulatur: Sowohl eine Unterfunktion als auch eine Überfunktion können mit Muskelschwäche einhergehen.
Nervensystem: Konzentration, psychische Aktivierung und subjektives Wohlbefinden können bei ausgeprägten Funktionsstörungen beeinträchtigt sein.
Sexualfunktion: Schilddrüsenfunktionsstörungen können mit Veränderungen von Libido und sexueller Funktion verbunden sein.
Allerdings gilt:
Eine normale Schilddrüsenfunktion lässt sich nicht aus dem subjektiven Energielevel ableiten. Ebenso beweist Müdigkeit keine Schilddrüsenerkrankung.
3. Schilddrüsenunterfunktion oder Testosteronmangel: Wo liegen die Unterschiede?
Beide Erkrankungen können ähnliche Beschwerden verursachen.
Einige Symptome sind jedoch für die jeweilige Erkrankung charakteristischer.
| Beschwerde | Schilddrüsenunterfunktion | Testosteronmangel |
|---|---|---|
| Müdigkeit | Häufig möglich | Möglich |
| Libidoverlust | Möglich | Besonders relevant |
| Erektionsstörungen | Möglich | Möglich |
| Gewichtszunahme | Möglich | Möglich |
| Kälteempfindlichkeit | Typischer Hinweis | Nicht typisch |
| Verstopfung | Typischer Hinweis | Nicht typisch |
| Verlust morgendlicher Erektionen | Möglich, aber unspezifisch | Diagnostisch relevanter Hinweis |
| Verminderte Muskelmasse | Möglich | Möglich |
Diese Gegenüberstellung ersetzt keine Diagnostik.
Gerade sexuelle Beschwerden sind häufig multifaktoriell und können beispielsweise auch durch Gefäßerkrankungen, Medikamente, psychische Faktoren oder Schlafstörungen beeinflusst werden.
4. Kann eine Schilddrüsenerkrankung den Testosteronwert verändern?
Ja.
Zwischen Schilddrüsenfunktion und männlichem Hormonhaushalt bestehen physiologische Zusammenhänge.
Ein wichtiger Faktor ist das sogenannte Sexualhormon-bindende Globulin (SHBG).
Dieses Protein bindet unter anderem Testosteron im Blut.
Bei Schilddrüsenüberfunktion
Die SHBG-Konzentration kann erhöht sein.
Dadurch kann sich die Konzentration des Gesamttestosterons verändern, ohne dass daraus unmittelbar auf die biologisch verfügbare Testosteronwirkung geschlossen werden kann.
Bei Schilddrüsenunterfunktion
SHBG kann erniedrigt sein.
Auch hier können sich die gemessenen Gesamttestosteronwerte verändern.
Zusätzlich können ausgeprägte Schilddrüsenfunktionsstörungen die hormonelle Regulation und die Sexualfunktion beeinträchtigen.
Ein auffälliger Gesamttestosteronwert muss deshalb immer im klinischen und hormonellen Zusammenhang interpretiert werden.
Das ist besonders wichtig, bevor eine Testosteronersatztherapie erwogen wird.
5. Warum ist ein einzelner Testosteronwert häufig nicht ausreichend?
Die Testosteronkonzentration unterliegt biologischen Schwankungen.
Bei Verdacht auf einen Testosteronmangel sollte die Blutentnahme in der Regel morgens erfolgen, möglichst unter standardisierten Bedingungen.
Eine Diagnose erfordert typischerweise:
- Passende klinische Beschwerden.
- Wiederholt erniedrigte Testosteronwerte.
- Die Beurteilung möglicher Ursachen und Einflussfaktoren.
Je nach Situation können weitere Parameter sinnvoll sein:
- SHBG
- Berechnetes freies Testosteron
- LH und FSH
- Prolaktin
- TSH und gegebenenfalls fT4
Eine Testosteronersatztherapie sollte nicht allein aufgrund eines grenzwertigen Einzelbefundes begonnen werden.
Vor einer Therapie müssen außerdem Kontraindikationen, Fertilitätswunsch und notwendige Verlaufskontrollen berücksichtigt werden.
6. Welche Schilddrüsenwerte sollten bei Männern untersucht werden?
Bei klinischem Verdacht auf eine Schilddrüsenfunktionsstörung ist TSH meist der geeignete erste Laborparameter.
TSH
TSH wird in der Hypophyse gebildet und reguliert die Schilddrüsenhormonproduktion.
Ein erhöhter TSH-Wert kann auf eine primäre Schilddrüsenunterfunktion hinweisen.
Ein erniedrigter Wert kann beispielsweise bei einer Schilddrüsenüberfunktion vorkommen.
Freies T4
fT4 hilft bei entsprechender Indikation, die Funktionsstörung genauer einzuordnen.
Freies T3
fT3 ist insbesondere bei bestimmten Konstellationen einer vermuteten Überfunktion relevant.
TPO-Antikörper
Bei Verdacht auf eine autoimmune Schilddrüsenerkrankung können TPO-Antikörper diagnostisch hilfreich sein.
Nicht jeder Patient benötigt sämtliche Laborparameter.
Die Auswahl sollte sich nach den Beschwerden, dem TSH-Befund und der klinischen Fragestellung richten.
7. Hashimoto betrifft nicht nur Frauen
Hashimoto-Thyreoiditis ist eine autoimmune Erkrankung der Schilddrüse.
Das Immunsystem richtet sich dabei gegen Bestandteile des Schilddrüsengewebes.
Im Verlauf kann eine Schilddrüsenunterfunktion entstehen.
Auch Männer können Hashimoto entwickeln.
Die Erkrankung kann zunächst ohne ausgeprägte Beschwerden und bei noch normaler Schilddrüsenfunktion verlaufen.
Bei entsprechenden Hinweisen kann die Untersuchung von TSH, fT4 und TPO-Antikörpern sinnvoll sein.
Eine Schilddrüsensonographie kann bei strukturellen Auffälligkeiten oder weiteren geeigneten Indikationen zusätzliche Informationen liefern.
Allerdings bedeutet ein positiver Antikörperbefund nicht automatisch, dass eine Behandlung mit Schilddrüsenhormonen erforderlich ist.
8. Wann ist eine Schilddrüsensonographie sinnvoll?
Die Sonographie ermöglicht eine detaillierte Darstellung des Schilddrüsengewebes.
Sie kann unter anderem folgende Veränderungen sichtbar machen:
- Schilddrüsenknoten
- Schilddrüsenvergrößerung
- Veränderungen der Gewebestruktur
- Zystische Veränderungen
- Auffällige regionale Strukturen
Bei einer Hashimoto-Thyreoiditis kann sich beispielsweise ein inhomogenes, echoarmes Schilddrüsengewebe zeigen.
Solche Veränderungen sind jedoch nicht allein beweisend.
Wichtig ist außerdem:
Die Sonographie beurteilt die Struktur der Schilddrüse, nicht unmittelbar ihre Hormonproduktion.
Eine Ultraschalluntersuchung ist deshalb nicht bei jedem Mann mit Müdigkeit oder auffälligem TSH automatisch erforderlich.
9. Wenn Müdigkeit nicht von der Schilddrüse kommt
Nicht jede Erschöpfung ist hormonell bedingt.
Gerade bei Männern mittleren Alters sollten weitere Ursachen berücksichtigt werden.
Schlafapnoe
Nächtliche Atemaussetzer können zu ausgeprägter Tagesmüdigkeit, Konzentrationsproblemen und verminderter Leistungsfähigkeit führen.
Eisenmangel oder Anämie
Diese können körperliche Schwäche und Erschöpfung verursachen.
Diabetes mellitus
Störungen des Glukosestoffwechsels können sich ebenfalls durch Müdigkeit bemerkbar machen.
Medikamentennebenwirkungen
Bestimmte Arzneimittel können Müdigkeit oder sexuelle Funktionsstörungen verursachen.
Psychische Belastung
Chronischer Stress, depressive Erkrankungen und Schlafstörungen können ähnliche Beschwerden hervorrufen.
Eine sorgfältige ärztliche Anamnese ist deshalb häufig wertvoller als ein möglichst umfangreiches, unspezifisches Hormonprofil.
10. Sollte man bei Müdigkeit einfach Testosteron einnehmen?
Nein.
Testosteron ist ein verschreibungspflichtiges Hormonpräparat und keine allgemeine Behandlung gegen Erschöpfung oder altersbedingten Leistungsabfall.
Eine medizinisch begründete Testosteronersatztherapie kann bei nachgewiesenem Hypogonadismus sinnvoll sein.
Sie ist jedoch nicht angezeigt, wenn lediglich unspezifische Beschwerden bei normalen Hormonwerten bestehen.
Zudem kann eine externe Testosteronzufuhr die körpereigene Spermienproduktion unterdrücken.
Das ist insbesondere bei Männern mit Kinderwunsch relevant.
Bevor über eine Testosterontherapie entschieden wird, sollten behandelbare Ursachen der Beschwerden – einschließlich einer möglichen Schilddrüsenfunktionsstörung – berücksichtigt werden.
11. Was passiert, wenn tatsächlich eine Schilddrüsenunterfunktion vorliegt?
Bei einer behandlungsbedürftigen primären Hypothyreose erfolgt die Therapie üblicherweise mit Levothyroxin.
Das Medikament ersetzt das fehlende Schilddrüsenhormon T4.
Die Dosierung wird individuell festgelegt.
Sie hängt unter anderem von Alter, Körpergewicht, Ausmaß der Unterfunktion und möglichen Herz-Kreislauf-Erkrankungen ab.
Nach Beginn oder Änderung der Therapie wird TSH üblicherweise nach etwa sechs bis acht Wochen kontrolliert.
Bei erfolgreicher Behandlung können sich Beschwerden bessern, sofern sie tatsächlich durch die Schilddrüsenunterfunktion verursacht wurden.
Bestehen Müdigkeit oder sexuelle Beschwerden trotz normalisierter Schilddrüsenwerte fort, sollten andere Ursachen untersucht werden.
12. Häufige Fragen meiner männlichen Patienten
Kann Hashimoto einen Testosteronmangel verursachen?
Eine ausgeprägte Schilddrüsenfunktionsstörung kann den Sexualhormonhaushalt beeinflussen. Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder Mann mit Hashimoto einen Testosteronmangel entwickelt.
Kann eine Schilddrüsenunterfunktion Erektionsprobleme verursachen?
Ja, sie kann dazu beitragen. Erektionsstörungen haben jedoch häufig mehrere Ursachen und sollten gegebenenfalls auch kardiovaskulär und urologisch abgeklärt werden.
Kann eine Schilddrüsenüberfunktion ebenfalls die Sexualfunktion beeinträchtigen?
Ja. Auch eine Hyperthyreose kann mit sexuellen Funktionsstörungen und Veränderungen des Hormonhaushalts verbunden sein.
Sollte jeder Mann ab 40 seine Schilddrüse untersuchen lassen?
Ein pauschales Schilddrüsenscreening allein aufgrund des Alters ist nicht generell empfohlen. Bei entsprechenden Beschwerden, Risikofaktoren oder klinischen Auffälligkeiten kann eine gezielte Untersuchung sinnvoll sein.
Kann sich ein erniedrigter Testosteronwert nach Behandlung der Schilddrüse normalisieren?
Das ist in bestimmten Fällen möglich, insbesondere wenn die Schilddrüsenfunktionsstörung den Hormonhaushalt beeinflusst hat. Eine Normalisierung ist jedoch nicht garantiert.
Brauche ich bei Müdigkeit automatisch einen Ultraschall der Schilddrüse?
Nein. Die Indikation richtet sich nach der klinischen Untersuchung und der konkreten Fragestellung.
13. Mein ärztlicher Rat: Nicht jedes Leistungsproblem ist ein Testosteronproblem.
Müdigkeit, nachlassende Belastbarkeit und Libidoverlust können viele Ursachen haben.
Ein Testosteronmangel ist eine mögliche Erklärung.
Eine Schilddrüsenfunktionsstörung ist eine andere.
Manchmal bestehen mehrere Faktoren gleichzeitig.
Die Herausforderung der modernen Medizin liegt darin, diese Zusammenhänge differenziert zu beurteilen.
Mein Grundsatz: Nicht einzelne Laborwerte behandeln, sondern den Patienten und seine Beschwerden im Gesamtzusammenhang betrachten.
Hormon- und Schilddrüsendiagnostik in Frankfurt am Main
In meiner Privatpraxis biete ich eine individuelle ärztliche Abklärung bei Müdigkeit, Leistungsabfall und Verdacht auf hormonelle Funktionsstörungen an.
Je nach medizinischer Indikation gehören dazu:
- Ärztliche Anamnese und körperliche Untersuchung
- Gezielte Schilddrüsen-Labordiagnostik
- Abklärung eines möglichen Testosteronmangels
- Schilddrüsensonographie bei entsprechender Indikation
- Beurteilung vorhandener Laborbefunde
- Ärztliche Zweitmeinung
Bei Bedarf empfehle ich eine ergänzende endokrinologische, urologische oder andere fachärztliche Abklärung.
Sie leiden unter anhaltender Müdigkeit, Libidoverlust oder unerklärlichem Leistungsabfall?
Eine gezielte medizinische Untersuchung kann helfen, mögliche Ursachen zu erkennen und unnötige Behandlungen zu vermeiden.
Dr. med. Kaneschka Jahanyar Facharzt für Allgemein- und Viszeralchirurgie Privatpraxis Frankfurt am Main Hochstraße 43, 60313 Frankfurt am Main
Terminvereinbarung: https://www.privatpraxis-ffm.de/
Dieser Beitrag dient der allgemeinen medizinischen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Untersuchung. Hormontherapien sollten ausschließlich nach entsprechender Diagnostik und medizinischer Indikationsstellung erfolgen.
Wissenschaftliche Grundlagen
- NICE NG145 – Thyroid Disease: Assessment and Management – Diagnostik und Behandlung von Schilddrüsenfunktionsstörungen.
- Endocrine Society – Testosterone Therapy in Men with Hypogonadism – Diagnostische Anforderungen und Therapieindikationen.
- European Association of Urology – Male Hypogonadism – Diagnostik des männlichen Hypogonadismus.
- American Thyroid Association – Hypothyroidism – Symptome und Behandlung der Schilddrüsenunterfunktion.